Tartrazin – E102

Auf tausenden Verpackungen in deutschen Supermärkten steht ein Satz, den kaum jemand liest: „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen.“ Er steht dort seit dem 20. Juli 2010, meist klein, meist am Ende der Zutatenliste.

Einer der sechs Farbstoffe, die diesen Hinweis auslösen, ist Tartrazin. In den USA heißt derselbe Stoff FD&C Yellow No. 5, und dort läuft seit 2025 ein Verfahren, ihn ganz aus den Regalen zu bekommen. In Europa ist er weiterhin zugelassen.

Was ist Tartrazin eigentlich?

Tartrazin ist ein synthetischer Azofarbstoff. Der Name kommt von der sogenannten Azogruppe, einer Brücke aus zwei Stickstoffatomen, die zwei Molekülteile verbindet und für die kräftige Farbe sorgt. Diese Bauweise ist der Grund, warum Azofarbstoffe als Gruppe immer wieder gemeinsam diskutiert werden.

Die Farbe: ein klares Zitronengelb, das je nach Konzentration ins Orange kippt. Der Stoff löst sich gut in Wasser, ist hitzestabil, lichtstabil und säurestabil. In der Praxis heißt das: Er überlebt Backen, Pasteurisieren und monatelange Lagerung, ohne zu verblassen. Genau das macht ihn für die Industrie so attraktiv – natürliche gelbe Farbstoffe wie Kurkumin sind deutlich empfindlicher.

Zu finden ist Tartrazin vor allem in Brausepulver und Limonaden, in Süßwaren und Speiseeis, in Puddingpulver und Desserts, in Senf und Würzsaucen, in Schmelzkäse, in Knabbergebäck und in Nahrungsergänzungsmitteln. Auch Arzneimittel und Kosmetika werden damit eingefärbt.

Wichtig für die Einordnung: Tartrazin kommt in der Natur nicht vor. Es wird vollständig chemisch hergestellt. Die US-Behörden bezeichnen diese Gruppe von Farbstoffen deshalb als „erdölbasiert“, weil die chemischen Ausgangsstoffe historisch aus der Petrochemie stammen (vgl. FDA, 2025).

Wo wird E102 eingesetzt?

Tartrazin ist in Lebensmitteln vor allem da beliebt, wo es auf leuchtende Farben ankommt. Du findest es zum Beispiel in:

  • Softdrinks und Limonaden: Ob Zitronen- oder Orangenlimo, das satte Gelb kommt oft von Tartrazin.
  • Süßigkeiten und Gummibärchen: Gelbe Fruchtgummis oder knallbunte Bonbons? Tartrazin macht’s möglich.
  • Backwaren und Kuchenmischungen: Hier sorgt E102 für goldene Teige und auffällige Glasuren.
  • Puddingpulver und Instantprodukte: Viele Fertigsuppen und Soßen greifen auf E102 zurück, um ihre Optik aufzupeppen.
  • Knabberartikel: Gelbe Chips oder aromatisierte Snacks enthalten häufig Tartrazin.

Kurz gesagt: Wenn ein Produkt gelb leuchtet, stehen die Chancen gut, dass E102 seine Finger im Spiel hat.

Tartrazin in Chips

Warum steht auf der Packung ein Warnhinweis?

Die Antwort auf diese Frage ist eine der interessantesten Geschichten im europäischen Lebensmittelrecht – weil der Warnhinweis dort steht, obwohl die zuständige Wissenschaftsbehörde ihn nicht empfohlen hat.

Die Southampton-Studie

2007 veröffentlichte ein Team der Universität Southampton im Fachjournal The Lancet eine Studie, die bis heute nachwirkt. Finanziert von der britischen Lebensmittelbehörde, untersuchte sie, ob künstliche Farbstoffe das Verhalten von Kindern beeinflussen.

Der Aufbau war methodisch anspruchsvoll: 153 Dreijährige und 144 Acht- bis Neunjährige aus der normalen Bevölkerung – ausdrücklich nicht nur Kinder mit bekannten Verhaltensauffälligkeiten. Alle bekamen über mehrere Wochen Fruchtsaftgetränke, die identisch aussahen und schmeckten. In manchen Phasen enthielten sie eine von zwei Farbstoffmischungen plus das Konservierungsmittel Natriumbenzoat (E 211), in anderen Phasen nichts davon. Weder Kinder noch Eltern noch Lehrkräfte wussten, wann was im Glas war (vgl. MCCANN et al., 2007).

Um das Verhalten zu bewerten, kombinierten die Forscher mehrere Quellen: direkte Beobachtung, Einschätzungen der Eltern, Einschätzungen der Lehrkräfte und bei den älteren Kindern zusätzlich einen Aufmerksamkeitstest am Computer.

Das Ergebnis: Bei den Dreijährigen zeigte Mischung A einen messbaren ungünstigen Effekt, Mischung B nicht. Bei den Acht- bis Neunjährigen wirkten beide Mischungen – aber nur, wenn man die Auswertung auf die Kinder beschränkte, die ihre Getränke auch tatsächlich weitgehend ausgetrunken hatten (vgl. MCCANN et al., 2007).

An diesen sechs Farbstoffen hing der Verdacht: Tartrazin (E 102), Chinolingelb (E 104), Gelborange S (E 110), Azorubin (E 122), Cochenillerot A (E 124) und Allurarot AC (E 129). Die Presse taufte sie die „Southampton-Sechs“.

Der Warnhinweis kam

Das Europäische Parlament setzte durch, was die Wissenschaftsbehörde nicht empfohlen hatte: eine Kennzeichnungspflicht. Seit dem 20. Juli 2010 gilt sie, geregelt in Anhang V der Verordnung (EG) Nr. 1333/2008. Lebensmittel mit einem der sechs Farbstoffe müssen dessen Bezeichnung oder E-Nummer nennen, gefolgt von dem Satz „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen“ (vgl. EUROPÄISCHE UNION, 2008).

Eine Ausnahme ist bemerkenswert: Getränke mit mehr als 1,2 Volumenprozent Alkohol sind befreit. Ein gelber Likör braucht den Hinweis also nicht, eine gelbe Kinderbrause schon.

Der ADI: Wie viel wäre unbedenklich?

Der ADI („Acceptable Daily Intake“) beziffert die Menge, die man ein Leben lang täglich aufnehmen könnte, ohne dass gesundheitliche Effekte zu erwarten sind – gerechnet pro Kilogramm Körpergewicht.

Für Tartrazin liegt er bei 7,5 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Dieser Wert ist alt: Der gemeinsame FAO/WHO-Sachverständigenausschuss JECFA legte ihn 1966 fest, der Wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU bestätigte ihn 1975 und 1984 (vgl. EFSA, 2009).

Entscheidend ist, was 2009 passierte. Die EFSA bewertete alle sechs Southampton-Farbstoffe neu. Bei dreien senkte sie den ADI deutlich – bei Chinolingelb, Gelborange S und Cochenillerot A. Interessanterweise nicht wegen des Verhaltens von Kindern, sondern wegen anderer toxikologischer Befunde. Bei Tartrazin blieb es beim alten Wert: Die vorliegenden Daten gäben keinen Anlass, die 7,5 mg/kg zu ändern – und selbst wenn die Hersteller überall die erlaubten Höchstmengen ausschöpfen würden, bliebe die tatsächliche Aufnahme darunter (vgl. EFSA, 2009).

Was der Wert konkret bedeutet, überrascht viele: Für einen Erwachsenen mit 70 Kilogramm sind das rund 525 mg Tartrazin pro Tag. Für ein Kind mit 20 Kilogramm rund 150 mg. Das sind, verglichen mit anderen Farbstoffen, sehr großzügige Mengen – der ADI von Cochenillerot A liegt bei 0,7 mg/kg und damit mehr als zehnmal niedriger.

Natürlich oder künstlich?

Im Gegensatz zu Farbstoffen wie Riboflavin, die auch natürlich vorkommen können, ist Tartrazin ein rein synthetischer Farbstoff. Er wird chemisch aus Erdölderivaten hergestellt. Alternativen wie Kurkumin (E100) oder Beta-Carotin (E160a) bieten ähnliche Farbergebnisse, haben aber den Nachteil, dass sie weniger stabil sind und unter bestimmten Bedingungen verblassen können.

Tartrazin in Rosinenschnecke

Kritik an Tartrazin: Muss das sein?

Eine der größten Diskussionen betrifft die Notwendigkeit. Brauchen wir wirklich knallgelbe Limonaden oder goldleuchtende Puddingpulver? Oder könnten wir uns an natürlichere Farben gewöhnen, die nicht nur weniger auffällig, sondern auch weniger kontrovers sind?

Die Industrie argumentiert, dass E102 wichtig ist, um Lebensmittel attraktiver zu machen. Kritiker hingegen werfen ein, dass der Farbstoff eher der Täuschung dient, schließlich sehen wir gelbe Limo automatisch als „zitroniger“ an, selbst wenn nur künstliches Aroma enthalten ist.

Fazit: Sonniges Gelb mit Schattenseiten

E102 ist ein Paradebeispiel für einen Zusatzstoff, der polarisiert. Seine Fähigkeit, Lebensmittel strahlend gelb zu färben, macht ihn für die Industrie unverzichtbar, während Verbraucher zunehmend kritisch hinterfragen, ob wir diese künstliche Farbe wirklich brauchen. Vielleicht entscheiden wir uns irgendwann alle für natürlichere Farben – auch wenn sie weniger grell sind.

Quellen:

EFSA (2008): Assessment of the results of the study by McCann et al. (2007) on the effect of some colours and sodium benzoate on children’s behaviour. Verfügbar unter: https://www.efsa.europa.eu/en/news/efsa-evaluates-southampton-study-food-additives-and-child-behaviour (abgerufen am 28.08.2026).

EFSA (2009a): Scientific Opinion on the re-evaluation of Tartrazine (E 102). EFSA Journal 2009;7(11):1331. Verfügbar unter: https://doi.org/10.2903/j.efsa.2009.1331 (abgerufen am 28.08.2026).

EFSA (2009b): Scientific Opinion on the re-evaluation of Ponceau 4R (E 124) as a food additive. EFSA Journal 2009;7(11):1328. Verfügbar unter: https://doi.org/10.2903/j.efsa.2009.1328 (abgerufen am 28.08.2026).

EUROPÄISCHE UNION (2008): Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008 über Lebensmittelzusatzstoffe (konsolidierte Fassung), Anhang V. Verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:02008R1333-20231005 (abgerufen am 28.08.2026).

FDA (2025): HHS, FDA to Phase Out Petroleum-Based Synthetic Dyes in Nation’s Food Supply. Pressemitteilung vom 22.04.2025. Verfügbar unter: https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/hhs-fda-phase-out-petroleum-based-synthetic-dyes-nations-food-supply (abgerufen am 28.08.2026).

MCCANN, D. et al. (2007): Food additives and hyperactive behaviour in 3-year-old and 8/9-year-old children in the community: a randomised, double-blinded, placebo-controlled trial. The Lancet, 370(9598):1560–1567. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(07)61306-3 (abgerufen am 28.08.2026).

Titelbild Teilchen: Pixabay, artemtation, #180980
Bild Rosinenschnecke: Pixabay, Couleur, #1634739
Bild Chips: Pixabay, Counselling, #476359

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Mit akademischen Hintergrund und umfangreicher Erfahrung im wissenschaftlichen Arbeiten bringe ich eine analytische Denkweise und eine Leidenschaft für gründliche Recherche mit. Mein Ziel ist es, präzise und verständliche Informationen über Zusatzstoffe und ihre Auswirkungen auf unsere Ernährung bereitzustellen. So möchte ich dazu beitragen, dass unsere Leser fundierte Entscheidungen treffen und ein tieferes Verständnis für die Inhaltsstoffe ihrer Lebensmittel entwickeln.

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