Carboxymethylcellulose in Ketchup

Wenn Schokoladeneis besonders cremig schmeckt, das glutenfreie Brötchen erstaunlich elastisch ist und die Light-Mayonnaise trotz reduziertem Fett nicht wässrig wird, steckt oft ein einziger Zusatzstoff dahinter: Carboxymethylcellulose, im Zutatenverzeichnis als E 466 oder Cellulosegummi geführt (vgl. REWE, o.J.; EAT SMARTER, o. J.; Maghsoud, 2024) . Seit Jahrzehnten gilt der Stoff als unbedenklich. Eine viel beachtete Studie aus dem Jahr 2022 stellt diese Annahme allerdings ernsthaft infrage und liefert den ersten direkten Hinweis am Menschen, dass dieser unauffällige Helfer der Lebensmittelindustrie das Darmmikrobiom verändert (vgl. Chassaing, 2022).

Was ist E 466 überhaupt?

Carboxymethylcellulose, kurz CMC, ist anders als reine Cellulose (E 460) kein natürlich vorkommender Stoff. Es ist ein halbsynthetisches Designermolekül: Pflanzliche Cellulose, gewonnen meist aus Nadelhölzern oder kurzen Baumwollfasern, wird mit Chloressigsäure und Lauge umgesetzt. Das Ergebnis ist ein weißes Pulver, das sich, anders als gewöhnliche Cellulose, sehr gut in Wasser löst und dort hochviskose, fast gelartige Massen bildet (vgl. REWE, o. J.).

Im Zutatenverzeichnis taucht der Stoff unter mehreren Namen auf: E 466, Carboxymethylcellulose, Cellulosegummi, Carmellose oder Natrium-Carboxymethylcellulose.

Carboxymethylcellulose

Wofür wird Carboxymethylcellulose eingesetzt?

CMC ist ein technologischer Allrounder. In der Lebensmittelindustrie übernimmt es gleich mehrere Funktionen: Verdickungsmittel, Stabilisator, Emulgator und Geliermittel (vgl. EFSA, 2018). Begegnen wirst du E 466 vor allem in:

  • Milchprodukten: Speiseeis, Sahnezubereitungen, Joghurtdesserts
  • Saucen und Dressings: Mayonnaise, Ketchup, Fertigsoßen
  • Backwaren: vor allem in glutenfreien Produkten, weil CMC dort die fehlende Klebewirkung des Glutens ersetzt
  • Süßwaren und Desserts: Fondant, Pudding, Cremefüllungen
  • Diätprodukten: energiereduzierte Lebensmittel, Süßstofftabletten

Nach Schätzungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sind Cellulose-Zusatzstoffe (E 460–E 469) auf mehr als 18.000 Produkten in der EU als Zutat ausgewiesen. CMC ist mit Abstand der erfolgreichste Vertreter dieser Familie und gleichzeitig der umstrittenste.

Die Studie, die alles veränderte

Lange galt CMC als unproblematisch, weil es im Verdauungstrakt nicht aufgespalten oder aufgenommen wird, es passiert den Magen-Darm-Trakt scheinbar unverändert. Das schien als Sicherheitsbeleg auszureichen. Doch genau in dieser Annahme lag ein blinder Fleck: Was zwischen Mund und Ausscheidung mit den Darmbakterien passiert, wurde lange nicht systematisch untersucht.

2015 zeigte ein Forschungsteam um den französischen Mikrobiologen Benoit Chassaing an Mäusen, dass Emulgatoren wie CMC und Polysorbat 80 die Darmflora verändern, niedriggradige Entzündungen auslösen und ein metabolisches Syndrom begünstigen können (Chassaing et al., Nature 2015). Der entscheidende Schritt folgte 2022: In einer randomisierten kontrollierten Ernährungsstudie am Menschen zeigte Chassaings Team, dass schon eine alltagsübliche CMC-Dosis bei gesunden Teilnehmenden ausreicht, um:

  • die Zusammensetzung des Darmmikrobioms messbar zu verändern,
  • die mikrobielle Vielfalt zu reduzieren,
  • die Konzentration kurzkettiger Fettsäuren im Stuhl zu senken, Substanzen, die für eine gesunde Darmschleimhaut zentral sind,
  • und das Metabolom, also das Stoffwechselprofil im Darm, deutlich zu verschieben (vgl. Chassaing et al., 2022).

Bei einem Teil der Studienteilnehmenden drangen Darmbakterien zudem tiefer in die schützende Schleimschicht ein, ein Muster, das aus der Forschung zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa bekannt ist (vgl. Futura-Sciences, 2021).

Aktuelle Folgeforschung zu CMC-Effekten bei Risikopersonen für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen läuft, die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen CMC-Konsum und der Entstehung solcher Erkrankungen wird zunehmend ernst genommen, ohne dass sie bereits als gesichert gelten kann (vgl. Delaroque, C. et al., 2024).

Carboxymethylcellulose in Mayonnaise

Wie reagiert die EFSA?

Die EFSA hat die genannten Studien in ihrer Neubewertung 2022 ausdrücklich zur Kenntnis genommen. In ihrer Stellungnahme räumt sie ein, dass Veränderungen der Darmmikrobiota bei Mensch und Maus beobachtet wurden, hält die gesundheitlichen Konsequenzen dieser Veränderungen aber für noch nicht abschließend geklärt (vgl. EFSA, 2022). Sie fordert weitere Untersuchungen, vor allem zur Frage, ob die Effekte bei langfristiger Aufnahme bestehen bleiben.

Für Säuglingsnahrung für Kinder unter 16 Wochen wird die Sicherheit von E 466 gesondert bewertet, die Industrie hat zugesagt, den Stoff dort nicht einzusetzen (vgl. EFSA, 2022). Der Schritt deutet darauf hin, dass die Behörde die Hinweise ernst genug nimmt, um bei besonders empfindlichen Gruppen vorsichtiger zu agieren.

Was bedeutet das für Verbraucherinnen und Verbraucher?

E 466 ist nicht verboten, und nach derzeitigem Stand der Wissenschaft besteht für gesunde Erwachsene kein akutes Risiko. Wer sich von Carboxymethylcellulose fernhalten möchte, etwa, weil er bereits an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung leidet oder einfach das Vorsichtsprinzip anwendet, sollte beim Einkauf auf folgende Begriffe in der Zutatenliste achten: „E 466″, „Carboxymethylcellulose“, „Cellulosegummi“, „Carmellose“ oder „Natrium-Carboxymethylcellulose“.

Eine praktische Faustregel: CMC steckt fast ausschließlich in stark verarbeiteten Produkten. Wer den Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel in seiner Ernährung reduziert, senkt automatisch auch die CMC-Aufnahme und mit ihr die der vielen anderen Emulgatoren und Stabilisatoren, die gemeinsam in dieselbe Forschungslinie fallen.

Die spannendste Erkenntnis hinter der Carboxymethylcellulose-Geschichte ist aber eine grundsätzliche: Selbst Zusatzstoffe, die der Körper nicht resorbiert, sind nicht zwingend wirkungslos. Sie passieren den Darm und der Darm ist kein leeres Rohr, sondern ein hoch sensibles Ökosystem. Die Forschung holt diese Erkenntnis gerade erst ein.

Quellen

Chassaing, B. et al. (2015): Dietary emulsifiers impact the mouse gut microbiota promoting colitis and metabolic syndrome. In: Nature 519, S. 92–96. Online verfügbar unter: https://www.nature.com/articles/nature14232 (abgerufen am 19.05.2026).

Chassaing, B. et al. (2022): Randomized Controlled-Feeding Study of Dietary Emulsifier Carboxymethylcellulose Reveals Detrimental Impacts on the Gut Microbiota and Metabolome. In: Gastroenterology 162(3), S. 743–756. DOI: https://doi.org/10.1053/j.gastro.2021.11.006 (abgerufen am 19.05.2026).

EFSA Panel on Food Additives and Flavourings (2022): Opinion on the re-evaluation of sodium carboxy methyl cellulose (E 466) as a food additive. In: EFSA Journal 20(12):7665. Online verfügbar unter: https://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/pub/7665 (abgerufen am 19.05.2026).

REWE (o. J.): E466 – Infos und Wissenswertes. Online verfügbar unter: https://www.rewe.de/ernaehrung/wissen/e466/ (abgerufen am 19.05.2026).

Futura-Sciences (2021): Dieser Lebensmittelzusatz verursacht chronisch entzündliche Darmerkrankungen. Online verfügbar unter: https://www.futura-sciences.com/de/dieser-lebensmittelzusatz-verursacht- chronisch-entzuendliche-darmerkrankungen_7760/ (abgerufen am 19.05.2026).

EAT SMARTER (o. D.): E 466 (Carboxymethylcellulose). Online verfügbar unter: https://eatsmarter.de/lexikon/e-nummern-zusatzstoffe/e-466-carboxymethylcellulose (abgerufen am 19.05.2026).

Maghsoud, Z. et al. (2024): The influence of carboxymethyl cellulose and hydroxypropyl methylcellulose on physicochemical, texture, and sensory characteristics of gluten-free pancake. In: Food Science & Nutrition. Online verfügbar unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/fsn3.3844 (abgerufen am 19.05.2026).

EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS) (2018): Re-evaluation of celluloses E 460(i), E 460(ii), E 461, E 462, E 463, E 464, E 465, E 466, E 468 and E 469 as food additives. In: EFSA Journal 16(1):5047. Online verfügbar unter: https://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/pub/5047 (abgerufen am 19.05.2026).

Delaroque, C. et al. (2024): Human Intestinal Microbiome Determines Individualized Inflammatory Response to Dietary Emulsifier Carboxymethylcellulose Consumption. In: Cellular and Molecular Gastroenterology and Hepatology. Online verfügbar unter: https://www.cmghjournal.org/article/S2352-345X(23)00196-0/fulltext (abgerufen am 19.05.2026).

Bildquellen

Torte mit Fondant: Pixabay, white77, #286192
Mayonnaise: Pixabay, demiahl, #5625412
Ketchup: Pixabay, hans, #356438

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Mit akademischen Hintergrund und umfangreicher Erfahrung im wissenschaftlichen Arbeiten bringe ich eine analytische Denkweise und eine Leidenschaft für gründliche Recherche mit. Mein Ziel ist es, präzise und verständliche Informationen über Zusatzstoffe und ihre Auswirkungen auf unsere Ernährung bereitzustellen. So möchte ich dazu beitragen, dass unsere Leser fundierte Entscheidungen treffen und ein tieferes Verständnis für die Inhaltsstoffe ihrer Lebensmittel entwickeln.

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