Butylhydroxyanisol in Kartoffelchips

Es gibt Lebensmittelzusatzstoffe, deren Bewertung sich seit Jahrzehnten zwischen „bedenklich“ und „unproblematisch“ hin- und herbewegt. Butylhydroxyanisol, kurz BHA und im Zutatenverzeichnis als E 320 geführt, ist so einer. Der synthetische Antioxidans steckt seit den 1950er-Jahren in Knabberartikeln, Kaugummi, Trockensuppen und Kosmetika. Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC stuft ihn als „möglicherweise krebserregend für den Menschen“ ein, das US-Toxikologieprogramm sogar als „mit hoher Wahrscheinlichkeit krebserregend“. Im Februar 2026 hat die US-Lebensmittelbehörde FDA eine umfassende Neubewertung angekündigt.

Was ist Butylhydroxyanisol?

Butylhydroxyanisol, kurz BHA, ist ein synthetisch hergestelltes Antioxidationsmittel. In der Natur kommt BHA nicht vor, es wird ausschließlich industriell produziert (vgl. Cosmacon, 2022).

Im Zutatenverzeichnis taucht der Stoff unter mehreren Namen auf: E 320, Butylhydroxyanisol, BHA oder tert-Butyl-4-hydroxyanisol.

Die Funktion: BHA bindet freie Radikale und verhindert dadurch, dass Fette in Lebensmitteln ranzig werden. Außerdem wirkt es leicht antimikrobiell und stabilisiert Aromen und Farben.

Butylhydroxyanisol

Wofür wird E 320 eingesetzt?

Butylhydroxyanisol ist für Lebensmittel zugelassen. Begegnen wirst du E 320 vor allem in:

  • Knabberartikeln aus Getreide: Cornflakes, gepuffter Reis, Müsliriegel
  • Bratfetten, Frittierfetten und Speiseölen
  • Kuchenmischungen, Backmischungen und Tortenböden
  • Trockensuppen und Würzmischungen
  • Kaugummi
  • Nüssen und Knabbersortimenten
  • Milchpulver und Säuglingsnahrung (in eng begrenzten Mengen)
  • Marzipan und Süßwaren
  • Nahrungsergänzungsmitteln

Außerhalb der Lebensmittelindustrie taucht BHA in Kosmetika (vor allem in Lippenstiften und Lidschatten), Arzneimitteln, Verpackungsmaterialien und sogar in Tierfutter auf, letzteres ist seit 2018 EU-weit ausdrücklich erlaubt.

Die Krebsfrage: ein Lehrstück über wissenschaftlichen Streit

Hier wird die Geschichte interessant. Die Datenlage zu Butylhydroxyanisol ist ungewöhnlich widersprüchlich und der Streit darüber zieht sich über vier Jahrzehnte.

Pro Krebsverdacht: In Tierstudien an Ratten und Hamstern verursachte hochdosiertes BHA bei dauerhafter Fütterung gut- und bösartige Tumore im Vormagen (vgl (vgl. IARC, 1987). Auf Basis dieser Daten stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) BHA 1986 als Gruppe 2B, „möglicherweise krebserregend für den Menschen“ ein (vgl. IARC, 1987). Das US National Toxicology Program (NTP) geht seit 1991 sogar noch einen Schritt weiter und führt BHA in seinem „Report on Carcinogens“ als „mit hoher Wahrscheinlichkeit krebserregend“ (vgl. NTP, 2021). Auch der kalifornische Verbraucherschutz (Proposition 65) listet BHA als bekannten Krebs-Verdachtsstoff.

Contra Krebsverdacht: Die wichtigste wissenschaftliche Einschränkung dieser Befunde ist ebenso einfach wie verblüffend: Die Tumore traten im Vormagen der Versuchstiere auf, ein Organ, das Menschen schlicht nicht besitzen. Spätere Analysen, auch durch die IARC selbst, kamen zu dem Schluss, dass der Mechanismus dieser Tumorentstehung für Menschen wahrscheinlich nicht relevant ist (vgl. Williams et al., 2021). Trotzdem wurde die IARC-Einstufung nie zurückgezogen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kam in ihrer Neubewertung 2011 zu dem Ergebnis, dass BHA bei den derzeit zugelassenen Verwendungsmengen sicher sei, und erhöhte die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge (ADI) von 0,5 auf 1 mg pro kg Körpergewicht (vgl. EFSA, 2011).

Es bleibt aber ein Beigeschmack: BHA reichert sich in Fettgewebe an und kann in den Fötus sowie in die Muttermilch übergehen (vgl. Zhang, 2020). Im Tierversuch traten Veränderungen am Immunsystem, an Schilddrüse, Blutbild und Leber auf (vgl. Zhang, 2020). Bei empfindlichen Menschen gilt BHA zudem als Auslöser pseudoallergischer Reaktionen.

Cornflakes

Die FDA-Neubewertung 2026 zu Butylhydroxyanisol: ein Wendepunkt?

Im Februar 2026 hat die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) eine umfassende Neubewertung von BHA angekündigt. Konkret veröffentlichte die Behörde am 10. Februar 2026 eine sogenannte „Request for Information“, einen offiziellen Aufruf an Industrie, Wissenschaft und Öffentlichkeit, aktuelle Daten zur Verwendung und Sicherheit von BHA einzureichen (vgl. FDA, 2026). Die Kommentierungsfrist endete am 13. April 2026.

US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. wurde in der Pressemitteilung deutlich: „Wenn BHA den heutigen wissenschaftlichen Goldstandard für seine aktuellen Anwendungen nicht erfüllen kann, werden wir es aus der Lebensmittelversorgung entfernen.“ Die FDA kündigte zudem an, im Anschluss vergleichbare Bewertungen für Butylhydroxytoluol (BHT, E 321) und Azodicarbonamid durchzuführen.

Ob die EU einem solchen Schritt folgen wird, ist offen. Der Druck auf die Behörden, ältere Zulassungen mit aktuellen Studien zu konfrontieren, wächst aber spürbar, und die FDA-Initiative dürfte die europäische Diskussion zumindest beschleunigen.

Was bedeutet das für Verbraucherinnen und Verbraucher?

E 320 ist in der EU weiterhin zugelassen, und ein akutes Gesundheitsrisiko durch übliche Verzehrmengen ist nach derzeitigem Stand nicht belegt. Wer den Kontakt trotzdem reduzieren möchte, etwa aus Vorsorge, wegen Allergie-Empfindlichkeit oder weil man die Tierversuchsdaten ernst nimmt, sollte beim Einkauf auf folgende Begriffe in der Zutatenliste achten: „E 320″, „Butylhydroxyanisol“, „BHA“ oder „tert-Butyl-4-hydroxyanisol“.

Eine praktische Faustregel: Butylhydroxyanisol steckt überwiegend in stark verarbeiteten, fetthaltigen Industrieprodukten. Wer den Anteil dieser Produkte in seiner Ernährung reduziert, Knabberzeug, Fertigsuppen, industrielle Backwaren, senkt automatisch auch die BHA-Aufnahme. In Bio-Lebensmitteln ist E 320 nach EU-Bio-Verordnung grundsätzlich nicht zugelassen.

Die spannendste Lehre aus der BHA-Geschichte ist vielleicht eine grundsätzliche: Selbst Zusatzstoffe, die seit über sechzig Jahren auf dem Markt sind, können in den Fokus einer Neubewertung geraten. Die aktuelle FDA-Initiative zeigt, dass auch lang etablierte Zulassungen kein Naturgesetz sind, sondern Momentaufnahmen, die mit neuem Wissen revidiert werden können.

Quellen:

Zhang, Y. / Du, B. / Ge, J. / Liu, L.-Y. / Zeng, L. (2020): Cooccurrence of and Infant Exposure to Multiple Common and Unusual Phenolic Antioxidants in Human Breast Milk. In: Environmental Science & Technology Letters 7(3), S. 206–212. Online verfügbar unter: https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acs.estlett.0c00104 (abgerufen am 19.05.2026).

FDA – U.S. Food and Drug Administration (2026): FDA Launches Assessment of BHA, a Common Food Chemical Preservative. Pressemitteilung vom 10.02.2026. Online verfügbar unter: https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-launches-assessment-bha-common-food-chemical-preservative (abgerufen am 19.05.2026).

IARC – International Agency for Research on Cancer (1987): Butylated Hydroxyanisole (BHA). IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans, Suppl. 7: Group 2B. Online verfügbar unter: https://www.inchem.org/documents/iarc/vol40/butylatedhydroxyanisole.html (abgerufen am 19.05.2026).

NTP – National Toxicology Program (2021): Butylated Hydroxyanisole – 15th Report on Carcinogens. U.S. Department of Health and Human Services. Online verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK590883/ (abgerufen am 19.05.2026).

EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS) (2011): Scientific Opinion on the re-evaluation of butylated hydroxyanisole – BHA (E 320) as a food additive. In: EFSA Journal 9(10):2392. Online verfügbar unter: https://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/pub/2392 (abgerufen am 19.05.2026).

Williams, G. M. et al. (2021): Butylated hydroxyanisole: Carcinogenic food additive to be avoided or harmless antioxidant important to protect food supply?. In: Regulatory Toxicology and Pharmacology. Online verfügbar unter: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0273230021000271 (abgerufen am 19.05.2026).

Cosmacon (2022): Butylhydroxyanisol (BHA) – Eigenschaften und Bewertung. Online verfügbar unter: https://www.cosmacon.de/glossary/bha/ (abgerufen am 19.05.2026).

Bildquellen:

Cornflakes: Pixabay, kapa65, #229471
Kartoffelchips: Pixabay, Hans, #644
Erdnussflips: Pixabay, Hans, #505870

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Mit akademischen Hintergrund und umfangreicher Erfahrung im wissenschaftlichen Arbeiten bringe ich eine analytische Denkweise und eine Leidenschaft für gründliche Recherche mit. Mein Ziel ist es, präzise und verständliche Informationen über Zusatzstoffe und ihre Auswirkungen auf unsere Ernährung bereitzustellen. So möchte ich dazu beitragen, dass unsere Leser fundierte Entscheidungen treffen und ein tieferes Verständnis für die Inhaltsstoffe ihrer Lebensmittel entwickeln.

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