Karmin in Gummibärchen

Es gibt Geschichten, die so absurd klingen, dass man sie für ausgedacht hält und die trotzdem in jedem zweiten Kühlregal stehen. Karmin, der knallrote Lebensmittelfarbstoff mit der EU-Zulassungsnummer E 120, ist genau so eine. Er macht Erdbeerjoghurt erdbeerfarben und Lippenstifte verführerisch. Wovon kaum jemand weiß: Karmin wird aus getrockneten und zerquetschten Schildläusen gewonnen. Und das schon seit Jahrhunderten.

Wir versprechen: Nach diesem Beitrag wirst du die Zutatenliste deines nächsten Erdbeerjoghurts genauer lesen.

Was ist Karmin überhaupt?

Karmin, manchmal auch als Echtes Karmin, Karminrot, Cochenille, Karminsäure oder schlicht E 120 auf der Verpackung, ist ein leuchtend roter Naturfarbstoff. Wirkstoff ist die Karminsäure, eine chemische Verbindung, die in den Körpern bestimmter Schildlausweibchen produziert wird, um sie vor Fressfeinden zu schützen.

Diese Schildläuse, lateinisch Dactylopius coccus und im Volksmund auch Cochenilleläuse oder Nopal-Schildläuse genannt, leben auf Opuntien, das sind die flachohrigen Feigenkakteen, die man aus jedem Mittelmeerurlaub kennt. Heimisch sind die Tiere ursprünglich in Mittel- und Südamerika (vgl. EFSA, 2015).

Karmin in Plätzchen

Eine Geschichte von Kakteen, Konquistadoren und Erdbeerjoghurt

Die Geschichte des Karmins ist eine der ältesten Färbergeschichten überhaupt. Schon seit Jahrhunderten wird der Farbstoff in der Andenregion hergestellt. Mit der Eroberung Amerikas durch die Spanier im 16. Jahrhundert kam Karmin nach Europa und wurde dort über Jahrzehnte zu einem der teuersten Handelsgüter. Königsmäntel, Kardinalsroben und feine Tapisserien verdankten ihm ihre Farbe.

Mit der Erfindung synthetischer Farbstoffe im 19. Jahrhundert verlor Karmin zwischenzeitlich an Bedeutung, bis die moderne Lebensmittelindustrie es wiederentdeckte. Heute wird Karmin überwiegend in Lateinamerika produziert, Hauptlieferant ist Peru.

Wie wird Karmin hergestellt?

Karminsäure wird aus weiblichen Cochenille-Schildläusen gewonnen. Die Insekten werden geerntet, getrocknet und das Pigment in einem mehrstufigen Verfahren wässrig extrahiert. Zum Schluss bindet man die Karminsäure mit Aluminium- oder Calciumsalzen zu einem stabilen Farbkomplex, dem eigentlichen Karminpigment, das chemisch als „Aluminiumlack der Karminsäure“ bezeichnet wird (vgl. EFSA, 2015; EFSA, 2022).

Für ein Kilogramm fertiges Karmin sind mehrere Zehntausend Schildläuse nötig. Eine Tatsache, die der Lebensmittelindustrie zwar nicht groß auf die Werbeplakate druckt, aber zumindest nicht verheimlicht: In der EU besteht für E 120 eine Kennzeichnungspflicht auf der Zutatenliste (vgl. EFSA, 2015).

Wo überall Karmin drin steckt

Wer Karmin gezielt vermeiden will, sollte sich auf eine längere Liste einstellen. Karmin ist in der EU als Lebensmittelfarbstoff für eine ganze Reihe von Produktkategorien zugelassen (vgl. EFSA, 2015). Häufig kommt der Farbstoff vor in:

  • Milchprodukten mit roter Farbe: klassischerweise Erdbeerjoghurt, Himbeerquark, Erdbeerpudding
  • Süßwaren: rote Gummibärchen, Lutscher, Bonbons, Marzipan, Lakritz
  • Backwaren und Desserts: Tortenglasur, Marmelade, Eis
  • Wurst- und Käseüberzügen: vor allem bei rötlich gefärbten Salamis und Frühstückskäse
  • Getränken: einigen alkoholischen Getränken, Sirupen und Limonaden
  • Kosmetika: Lippenstift, Rouge, Lidschatten, Nagellack, oft unter der Bezeichnung CI 75470 oder Cochineal
  • Arzneimitteln: zur Färbung von Tabletten und Säften

In den vergangenen Jahren haben sich einzelne international bekannte Marken nach öffentlichem Druck, vor allem aus der veganen Community, von Karmin verabschiedet und auf pflanzliche Alternativen umgestellt.

Ist Karmin gesundheitlich bedenklich?

Aus rein toxikologischer Sicht: nein. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat Karmin 2015 umfassend neu bewertet und einen ADI-Wert (zulässige tägliche Aufnahmemenge) von 5 mg Karmin pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt, was bei einem typischen Karmin-Produkt mit rund 50 Prozent Karminsäure-Gehalt 2,5 mg Karminsäure pro Kilogramm Körpergewicht entspricht. Für einen Erwachsenen mit 70 kg sind das rund 350 mg Karmin pro Tag, eine Menge, die im normalen Alltag praktisch nie erreicht wird. Hinweise auf Krebsrisiko, Erbgutschäden oder Fortpflanzungsschäden konnten in den ausgewerteten Studien nicht gefunden werden (vgl. EFSA, 2015).

Aber: Karmin gehört zu den Lebensmittelfarbstoffen mit nachgewiesenem Allergiepotenzial. Bei empfindlichen Menschen kann der Farbstoff, meist wegen Eiweißresten der Läuse, allergische Reaktionen auslösen: Hautausschlag, Asthmaanfälle, Atemnot. Auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) listet Karmin in seiner Stellungnahme zu Lebensmittelallergien ausdrücklich als bekannten Auslöser (vgl. BfR, 2006). In sehr seltenen Fällen sind sogar anaphylaktische Schocks dokumentiert, die klassische Fallserie dazu stammt von Wüthrich, Kägi und Stücker, die 1997 in der Fachzeitschrift Allergy mehrere Fälle anaphylaktischer Reaktionen nach Karmin-Verzehr beschrieben (vgl. Wüthrich et al., 1997). Genau aus diesem Grund hat die EFSA empfohlen, das Herstellungsverfahren so zu verbessern, dass möglichst alle eiweißartigen Verunreinigungen entfernt werden (vgl. EFSA, 2015).

Ist es vegan oder vegetarisch?

Keines von beidem. Karmin ist der einzige tierisch gewonnene Lebensmittelfarbstoff im EU-Zulassungssystem, damit für Veganer:innen klar ausgeschlossen. Streng genommen ist er auch für Vegetarier:innen problematisch, weil Tiere für die Produktion getötet werden.

Was bedeutet das für meinen Alltag?

Karmin ist kein Gesundheitsrisiko im klassischen Sinn, kein versteckter Krebsverdacht, kein dramatisches Skandalpotenzial. Es ist eher ein Lehrstück darüber, was wir alles essen, ohne es zu wissen. Wer den Farbstoff vermeiden will, sollte beim Einkauf nach folgenden Begriffen in der Zutatenliste suchen: „E 120“, „Karmin“, „Echtes Karmin“, „Karminsäure“, „Cochenille“ oder die englischen Varianten „Carmine“ und „Cochineal Extract“.

Praktischer Tipp: Verlasse dich nicht auf Werbebegriffe wie „natürlich gefärbt“, das ist Karmin im strengen Sinn nämlich auch. Wirklich pflanzlich gefärbte Produkte enthalten stattdessen Hinweise auf Rote-Bete-Saft, Hibiskus, Anthocyane, Paprikaextrakt, Lycopin (aus Tomaten) oder Alkannin (aus der Alkannawurzel).

Wenn du das nächste Mal einen knallroten Erdbeerjoghurt im Kühlregal liegen siehst und auf der Zutatenliste das Wort „Karmin“ findest, dann weißt du jetzt eine kleine Geschichte, die du beim nächsten Abendessen erzählen kannst. Garantiert wirst du nicht die einzige Person am Tisch sein, die ihre Gabel kurz absetzt.

FAQs

Ist Karmin bedenklich?

Aus toxikologischer Sicht ist Karmin unbedenklich, die EFSA hat den Farbstoff 2015 bestätigt, Hinweise auf Krebs- oder Erbgutrisiken gibt es keine.

Ist echtes Karmin gesund?

Echtes Karmin ist weder gesund noch ungesund, es hat schlicht keinen ernährungsphysiologischen Nutzen und wird ausschließlich zur Färbung eingesetzt. Toxikologisch gilt der Farbstoff laut EFSA als sicher, kann aber bei empfindlichen Menschen Allergien auslösen.

Ist Karmin Läuseblut?

Nein. Karmin enthält kein Blut. Der rote Farbstoff ist die Karminsäure, eine chemische Verbindung, die Schildlausweibchen in ihrem Körper produzieren, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Für die Gewinnung werden die Insekten getrocknet, zerrieben und in Säure ausgekocht; die rote Farbe ist also ein körpereigener Wehrstoff der Läuse, kein Blut.

ist echtes Karmin vegetarisch?

Nein. Für die Herstellung von Karmin werden Schildläuse getötet, getrocknet und zerrieben, damit ist der Farbstoff weder vegan noch vegetarisch.

Sind Karmin und Karmesin das gleiche?

Jein. Karmesin ist ein altes Farbwort für ein tiefes Rot und wird teilweise synonym zu Karmin (E 120) verwendet. Nicht verwechseln solltest du es aber mit Karmoisin (E 122), das ist ein synthetisch hergestellter Azofarbstoff, der zwar ähnlich rot färbt, chemisch aber nichts mit Karmin zu tun hat.

Wie wird echtes Karmin gewonnen?

Auf Kakteenplantagen werden weibliche Cochenille-Schildläuse gezüchtet, mit Hitze abgetötet, getrocknet und zu Pulver zerrieben. Das Pulver wird mit Säure ausgekocht, um die rote Karminsäure aus den Insektenkörpern zu lösen. Zum Schluss wird die Säure mit Aluminium- oder Calciumsalzen ausgefällt, erst dann entsteht das eigentliche Karminpigment.

Quellen:

EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS) (2015): Scientific Opinion on the re-evaluation of cochineal, carminic acid, carmines (E 120) as a food additive. In: EFSA Journal 13(11):4288. Online verfügbar unter: https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2015.4288 (abgerufen am 19.05.2026).

EFSA Panel on Additives and Products or Substances used in Animal Feed (FEEDAP) (2022): Safety and efficacy of a feed additive consisting of carmine for cats and dogs (Mars Petcare GMbH). In: EFSA Journal 20(10):7609. Online verfügbar unter: https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2022.7609 (abgerufen am 19.05.2026).

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2006): Allergien durch verbrauchernahe Produkte und Lebensmittel. Stellungnahme Nr. 001/2007 vom 27.09.2006. Online verfügbar unter: https://mobil.bfr.bund.de/cm/343/allergien_durch_verbrauchernahe_produkte_und_lebensmittel.pdf (abgerufen am 19.05.2026).

Wüthrich, B. / Kägi, M. K. / Stücker, W. (1997): Anaphylactic reactions to ingested Carmine (E120). In: Allergy 52(11), S. 1133–1137. Online verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9404569/ (abgerufen am 19.05.2026).

Bildquellen:

Rote Pätzchen: Pixabay, nbmah, #6041682
Saure Gummibärchen: Pixabay, la-fontaine, #93988
Rote Gummibärchen: Pixabay, peterfranz, #4401019

35 Aufrufe

Von


Mit akademischen Hintergrund und umfangreicher Erfahrung im wissenschaftlichen Arbeiten bringe ich eine analytische Denkweise und eine Leidenschaft für gründliche Recherche mit. Mein Ziel ist es, präzise und verständliche Informationen über Zusatzstoffe und ihre Auswirkungen auf unsere Ernährung bereitzustellen. So möchte ich dazu beitragen, dass unsere Leser fundierte Entscheidungen treffen und ein tieferes Verständnis für die Inhaltsstoffe ihrer Lebensmittel entwickeln.

Verwandte Artikel

braunes Proteinpulver

Ist Proteinpulver gesund? Was wirklich in Fitnessprodukten steckt

Eiweißshakes, Riegel & Drinks: Was ist erlaubt – und was solltest du wissen? Ob als.....

Mehr
Kaolin

Kaolin (E 559): Warum Porzellanerde nichts mehr in unserem Essen verloren hat

Manche Zusatzstoffe verschwinden so leise aus dem Supermarktregal, dass es kaum jemand mitbekommt. Kaolin, besser.....

Mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert