Propylenglykol_in_Kaugummi

Es gibt Zutaten, die schon beim Lesen ein mulmiges Gefühl auslösen. „Propylenglykol“ gehört dazu, spätestens, wenn man irgendwo aufschnappt, dass derselbe Stoff auch in Frostschutzmitteln steckt. Frostschutz im Kaugummi? Das klingt nach einem Skandal.

Die Wahrheit ist unspektakulärer, aber deutlich interessanter. Propylenglykol ist einer der am gründlichsten untersuchten Hilfsstoffe der Lebensmittelindustrie, und die „Frostschutz“-Geschichte beruht zu einem guten Teil auf einer Verwechslung. Schauen wir uns also in Ruhe an, was E 1520 wirklich ist, was es im Essen tut und wo die tatsächlichen Grenzen liegen.

Was ist Propylenglykol überhaupt?

Propylenglykol ist eine klare, fast geruchlose, leicht süßlich schmeckende Flüssigkeit von sirupartiger Konsistenz. Chemiker nennen es 1,2-Propandiol (CAS-Nummer 57-55-6), in der Zutatenliste taucht es als E 1520 auf (vgl. EFSA, 2018). Es wird synthetisch hergestellt und hat eine praktische Eigenschaft: Es zieht Wasser an und hält es fest. Genau diese Wasserliebe macht es für so viele Anwendungen nützlich.

Man findet Propylenglykol längst nicht nur in Lebensmitteln, sondern auch in Kosmetik, in Medikamenten (als Lösungsmittel für Wirkstoffe) und in der Flüssigkeit von E-Zigaretten. Diese Vielseitigkeit ist ein Grund, warum der Stoff so ein breites Publikum hat und warum sich Mythen um ihn ranken.

Aber das ist doch Frostschutzmittel!? Der große Verwechslungs-Klassiker

Hier liegt der Kern fast aller Aufregung. Es gibt zwei Stoffe mit ähnlichem Namen und ähnlichen Eigenschaften, die aber sehr unterschiedlich sind:

  • Ethylenglykol: das klassische, giftige Frostschutzmittel für Autokühler. Schon kleine Mengen können beim Menschen die Nieren schwer schädigen und sind potenziell tödlich (vgl. ATSDR, 2010).
  • Propylenglykol: unser E 1520. Chemisch unterscheidet es sich vom giftigen Verwandten nur durch eine einzige zusätzliche Gruppe im Molekül, in der Wirkung aber gewaltig (vgl. ATSDR, 2024).

Und jetzt kommt die Pointe: Propylenglykol wird tatsächlich als Frostschutz eingesetzt, aber gerade weil es so wenig giftig ist. Überall dort, wo eine kühlende oder frostschützende Flüssigkeit mit Lebensmitteln in Kontakt kommen könnte, nimmt man bewusst Propylenglykol statt des gefährlichen Ethylenglykols (vgl. ATSDR, 2024).

Was Propylenglykol im Essen leistet

Propylenglykol ist selten ein Stoff, den man wegen seines Geschmacks zusetzt. Es ist ein Arbeitstier im Hintergrund und übernimmt vor allem zwei Aufgaben:

Als Feuchthaltemittel sorgt es dafür, dass Produkte nicht austrocknen. Seine Fähigkeit, Wasser zu binden, hält zum Beispiel bestimmte Backwaren, Süßwaren oder Gewürzmischungen geschmeidig und frisch.

Als Träger- und Lösungsmittel ist es eine Art Transportflüssigkeit. Viele Aromen, Farbstoffe oder fettlösliche Stoffe lassen sich pur schlecht dosieren oder gleichmäßig verteilen. Löst man sie in Propylenglykol, lassen sie sich präzise und homogen ins Lebensmittel einbringen. In der EU ist E 1520 genau dafür zugelassen: als Trägerstoff unter anderem für Farbstoffe, Emulgatoren, Antioxidationsmittel, Enzyme, sämtliche Aromen und Nährstoffe (vgl. Europäische Union, 2008; EFSA, 2018).

Das heißt auch: In vielen Produkten steckt Propylenglykol nicht als „Hauptzutat“, sondern als unscheinbarer Helfer, der ein Aroma oder eine Farbe überhaupt erst verwendbar macht.

Wie der Körper mit Propylenglykol umgeht

Hier wird klar, warum die Toxikologen so gelassen sind. Nimmt man Propylenglykol über die Nahrung auf, baut der Körper es zügig ab, und zwar zu Milchsäure und Brenztraubensäure. Das sind keine Giftstoffe, sondern Zwischenprodukte des körpereigenen Energiestoffwechsels, die ohnehin ständig in unseren Zellen entstehen und weiterverarbeitet werden (vgl. ATSDR, 2024).

Mit anderen Worten: Der Körper kennt diese Bausteine und hat eingespielte Wege, sie zu nutzen oder auszuscheiden. Genau das unterscheidet Propylenglykol vom giftigen Ethylenglykol, dessen Abbauprodukte den Körper massiv belasten.

Wie sicher ist E 1520? Der Blick auf den ADI-Wert

Für zugelassene Zusatzstoffe legen Behörden einen ADI-Wert fest, die Menge, die man täglich ein Leben lang aufnehmen kann, ohne dass ein gesundheitliches Risiko zu erwarten ist (gerechnet pro Kilogramm Körpergewicht).

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat Propylenglykol zuletzt 2018 umfassend neu bewertet und dafür Studien zu Stoffwechsel, Erbgutverträglichkeit, Langzeit- und Fortpflanzungswirkungen ausgewertet. Das Fazit: Es gibt keinen Grund, den bereits 1996 festgelegten ADI-Wert von 25 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag zu verändern (vgl. EFSA, 2018).

Was bedeutet das konkret? Für einen Menschen mit 70 kg Körpergewicht entspricht der ADI rund 1.750 mg Propylenglykol pro Tag. Und die EFSA hat zusätzlich nachgerechnet: Selbst bei Vielverzehrern und über alle Altersgruppen hinweg blieb die tatsächliche Aufnahme über Lebensmittel unter diesem Wert (vgl. EFSA, 2018). Auch die US-Behörde FDA stuft Propylenglykol für die Verwendung in Lebensmitteln als „allgemein als sicher anerkannt“ (GRAS) ein (vgl. FDA, o. J.).

Wann kann Propylenglykol doch zum Problem werden?

So beruhigend die Lebensmittel-Bilanz ist, „ungiftig in jeder Menge“ gibt es bei keinem Stoff, und Propylenglykol hat durchaus seine Grenzen. Sie liegen nur weit jenseits dessen, was über Essen je zusammenkommt.

Sehr hohe Dosen, meist über Medikamente. Propylenglykol wird auch als Lösungsmittel für injizierbare Arzneimittel verwendet. Bekommt jemand in kurzer Zeit große Mengen über die Vene, etwa bei intensivmedizinischer Behandlung mit hoch dosierten Infusionen, kann der Körper mit dem Abbau nicht mehr hinterherkommen. Dann drohen eine Übersäuerung des Blutes (Laktatazidose) und Effekte auf das Nervensystem. Solche Fälle sind beschrieben, betreffen aber praktisch ausschließlich die medizinische Anwendung, nicht das Essen (vgl. ATSDR, 2024).

Bestimmte Risikogruppen. Säuglinge und Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion bauen Propylenglykol langsamer ab. Bei ihnen ist, wiederum vor allem bei medizinischer Hochdosis-Anwendung, mehr Vorsicht geboten (vgl. ATSDR, 2024).

Die Haut. In Kosmetik kann Propylenglykol bei empfindlichen Personen gelegentlich Kontaktreaktionen der Haut auslösen. Als Lebensmittelzusatzstoff stuft die EFSA es jedoch nicht als Allergen ein (vgl. EFSA, 2018).

Das Einatmen. In E-Zigaretten ist Propylenglykol einer der Hauptbestandteile des Dampfes. Über die Lunge aufgenommen kann es die Atemwege reizen, das ist ein ganz anderer Aufnahmeweg als über das Essen und lässt sich nicht mit der Bewertung als Lebensmittelzusatzstoff gleichsetzen (vgl. ATSDR, 2024).

Eine Kuriosität am Rande: Vorsicht bei Katzen

Ein interessanter Sonderfall: Was für uns Menschen unproblematisch ist, ist für Katzen heikel. Katzen reagieren empfindlich auf Propylenglykol, es kann bei ihnen die roten Blutkörperchen schädigen und eine besondere Form der Blutarmut (sogenannte Heinz-Körperchen-Anämie) auslösen (vgl. Christopher et al., 1989). Deshalb hat die FDA die Verwendung von Propylenglykol in Katzenfutter bereits 1996 untersagt, während es in Hundefutter weiterhin erlaubt ist (vgl. FDA, o. J.). Ein schönes Beispiel dafür, dass „giftig“ oder „ungiftig“ immer auch eine Frage des Organismus ist.

Fazit: ein harmloser Helfer mit gruseligem Ruf

Propylenglykol ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein technischer Name und eine halbe Information ein falsches Bild erzeugen können. Der Stoff ist nicht das giftige Frostschutzmittel aus dem Autokühler, das ist sein Verwandter Ethylenglykol. Im Körper zerlegt man Propylenglykol in ganz gewöhnliche Stoffwechselbausteine, die Aufnahme über Lebensmittel liegt deutlich unter dem als sicher geltenden Wert, und sowohl EFSA als auch FDA bewerten den Einsatz in Lebensmitteln als unbedenklich (vgl. EFSA, 2018; FDA, o. J.).

Die realen Vorsichtspunkte liegen woanders: bei sehr hohen Dosen über Medikamente, bei empfindlichen Risikogruppen und, kurios, aber wahr, beim Futternapf der Katze. Wer als gesunder Mensch ein Kaugummi kaut oder ein aromatisiertes Lebensmittel isst, in dem E 1520 steckt, muss sich nach heutigem Wissensstand keine Sorgen machen.

Quellen:

ATSDR (Agency for Toxic Substances and Disease Registry) (2024): Toxicological Profile for Propylene Glycol. U.S. Department of Health and Human Services, Public Health Service, Atlanta, GA. Online: https://www.atsdr.cdc.gov/toxprofiles/tp189.pdf (zuletzt abgerufen am 26.06.2026)

ATSDR (Agency for Toxic Substances and Disease Registry) (2010): Toxicological Profile for Ethylene Glycol. U.S. Department of Health and Human Services, Public Health Service, Atlanta, GA. Online: https://www.atsdr.cdc.gov/toxprofiles/tp96.pdf (zuletzt abgerufen am 26.06.2026)

EFSA (European Food Safety Authority), Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS) (2018): Re-evaluation of propane-1,2-diol (E 1520) as a food additive. EFSA Journal 16(4):5235. doi: 10.2903/j.efsa.2018.5235. Online: https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2018.5235 (zuletzt abgerufen am 26.06.2026)

Europäische Union (2008): Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008 über Lebensmittelzusatzstoffe. Amtsblatt der Europäischen Union, L 354, S. 16–33. Online: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32008R1333 (zuletzt abgerufen am 26.06.2026)

FDA (U.S. Food and Drug Administration) (o. J.): Code of Federal Regulations, Title 21 – § 184.1666 Propylene glycol (GRAS-Status für Lebensmittel) sowie § 589.1001 Propylene glycol in or on cat food (Verbot in Katzenfutter, in Kraft seit 1996). Online: https://www.ecfr.gov/current/title-21 (zuletzt abgerufen am 26.06.2026)

Christopher, M. M., Perman, V. & Eaton, J. W. (1989): Contribution of propylene glycol-induced Heinz body formation to anemia in cats. Journal of the American Veterinary Medical Association 194(8), S. 1045–1056. Online: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2708106/ (zuletzt abgerufen am 26.06.2026)

Titelbild Bunte Kaugummi Kugeln: Pixabay, creazionpublicidad, #286664
Kaugummi: Pixabay, Hans, #115163
Glasflasche mit Kaugummis: Pixabay, tabeajaichhalt, #1377268

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Mit akademischen Hintergrund und umfangreicher Erfahrung im wissenschaftlichen Arbeiten bringe ich eine analytische Denkweise und eine Leidenschaft für gründliche Recherche mit. Mein Ziel ist es, präzise und verständliche Informationen über Zusatzstoffe und ihre Auswirkungen auf unsere Ernährung bereitzustellen. So möchte ich dazu beitragen, dass unsere Leser fundierte Entscheidungen treffen und ein tieferes Verständnis für die Inhaltsstoffe ihrer Lebensmittel entwickeln.

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