Wenn du schon einmal barfuß durch eine Wiese gelaufen bist und dich danach über Brennnesseln echauffiert hast, dann hattest du bereits Kontakt. In den Brennhaaren der Brennnessel steckt eine Giftmischung, zu der neben Ameisensäure auch deren Natriumsalz gehört, eben Natriumformiat. Der Stoff, um den es hier geht, hat dich also möglicherweise schon einmal gepiekst, bevor du jemals seinen Namen gelesen hast.
Was ist Natriumformiat überhaupt?
Der Name verrät schon fast alles. Man muss ihn nur in zwei Teile zerlegen.
„Formiat“ steht für Ameisensäure, die einfachste Säure, die es gibt. Farblos, stechend, auf der Haut ätzend.
„Natrium“ steht für Natronlauge, das gleiche, das in Rohrreiniger steckt.
Und jetzt kommt der Trick: Säure plus Lauge ergibt Salz. Die beiden aggressiven Partner heben sich gegenseitig auf, übrig bleibt ein zahmes weißes Pulver. Nach genau diesem Muster entsteht übrigens auch Kochsalz. Natriumformiat ist also nichts anderes als gezähmte Ameisensäure: geruchlos, sehr gut wasserlöslich, problemlos anzufassen.
Wo Natriumformiat in der Natur vorkommt
Formica ist das lateinische Wort für Ameise, daher der Name. Tatsächlich wurde Ameisensäure zuerst aus Ameisen gewonnen, und viele Arten verspritzen sie zur Verteidigung.
Sie steckt aber auch im Gift von Quallen, in Brennnesseln und, was viele überrascht, im Honig: Je nach Sorte enthält ein Kilogramm zwischen 50 und über 1.000 Milligramm Ameisensäure.

Darf Natriumformiat in Lebensmittel?
Nein. In der EU ist es kein zugelassener Lebensmittelzusatzstoff.
Das EU-Recht funktioniert nach einem einfachen Grundsatz: Zusatzstoffe sind grundsätzlich verboten, es sei denn, sie stehen ausdrücklich auf einer Positivliste, der sogenannten Unionsliste (vgl. BVL, o. J.). Natriumformiat hat dort keinen Eintrag. Damit ist die Sache erledigt.
Warum die E-Nummer trotzdem existiert: Sie stammt aus einer älteren Fassung des Konservierungsstoffrechts. Als die Regeln später zusammengeführt wurden, blieben die Formiate außen vor. In vielen Online-Tabellen wurde die Nummer nur nie gestrichen.
Erlaubt ist Natriumformiat trotzdem, nur woanders: im Tierfutter (vgl. EU-KOMMISSION, 2022) und in Kosmetik als Konservierungsstoff bis maximal 0,5 % (vgl. EU-KOSMETIKVERORDNUNG, 2009).
In welchen Lebensmitteln steckte es früher?
Bis 1998 durften Ameisensäure und ihre Salze Lebensmittel haltbar machen. Zu finden waren sie vor allem in:
- Obsterzeugnissen wie Fruchtsäften
- milchsaurem Gemüse
- Krabben
Ende 1998 endete diese Verwendung (vgl. POLLMER, 2017).
Fällt dir etwas auf? Fruchtsaft und milchsaures Gemüse sind ausgesprochen saure Lebensmittel. Das ist kein Zufall, warum, klärt der nächste Abschnitt.
Warum Natriumformiat als Konservierungsmittel versagt
Ob zugelassen oder nicht, reines Natriumformiat hätte in den meisten Lebensmitteln ohnehin ein Problem: Es konserviert dort kaum. Und genau das erklärt, warum die früheren Anwendungen alle im sauren Bereich lagen.
Der Grund liegt in der Hülle, die Bakterien und Schimmelpilze umgibt. Sie wirkt wie ein Filter: Elektrisch geladene Teilchen lässt sie kaum durch, ungeladene dagegen schon.
- Freie Ameisensäure ist ungeladen. Sie gelangt deshalb ins Innere der Zelle und stört dort den Stoffwechsel.
- Natriumformiat zerfällt in Wasser sofort in geladene Bruchstücke. Die kommen gar nicht erst hinein.
Entscheidend ist also, ob im Lebensmittel überhaupt freie Säure vorliegt. Das wiederum hängt davon ab, wie sauer das Lebensmittel selbst ist.

Was dein Körper mit Formiat macht
Formiat ist für den Körper nichts Fremdes, es ist Baumaterial.
Wenn dein Körper neues Erbgut baut, und das tut er bei jeder Zellteilung, braucht er dafür immer wieder einen winzigen Baustein aus genau einem Kohlenstoffatom. Formiat ist dieser Baustein, transportiert wird er von der Folsäure (vgl. FIELD & STOVER, 2025). Dein Körper stellt ihn also ohnehin ständig selbst her.
Und er wird ihn auch schnell wieder los. Eine Studie mit 14 Frauen, die eine bewusst hohe Dosis erhielten, zeigte: Nach einer Stunde war der Blutwert auf etwa das Zwanzigfache gestiegen, nach knapp vier Stunden lag er wieder auf dem Ausgangsniveau. Eine Anreicherung im Körper ist auch bei mehrfacher täglicher Einnahme nicht zu erwarten (vgl. HANZLIK et al., 2005).
Wo die Grenze liegt
„Körpereigen“ heißt allerdings nicht „beliebig viel“.
Formiat ist der Stoff, der Methanolvergiftungen so gefährlich macht. Methanol selbst ist relativ harmlos, erst im Körper entsteht daraus Ameisensäure, und die schädigt in hoher Konzentration Netzhaut und Sehnerv (vgl. HANZLIK et al., 2005).
Von solchen Mengen ist man im Alltag allerdings weit entfernt. Der internationale Grenzwert für Ameisensäure liegt bei 3 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht und Tag (vgl. JECFA, 1997). Für eine erwachsene Person mit 70 Kilogramm sind das rund 210 Milligramm, das entspricht etwa 200 Gramm Honig.
Wo der Stoff heute wirklich landet
Wenn er nicht in Lebensmittel darf: Wo gehen die produzierten Mengen hin? Die prominenteste Anwendung hast du wahrscheinlich schon aus dem Flugzeugfenster gesehen.
An Flughäfen wird festes Natriumformiat gestreut, um Start- und Landebahnen eisfrei zu halten. Der Vorteil gegenüber Streusalz liegt auf der Hand: kein Chlorid, also deutlich weniger Rost an Flugzeugen und Sensoren. Und anders als Harnstoff, der lange üblich war, überdüngt es die umliegenden Gewässer nicht (vgl. SHUNTONG CHEMICAL, 2024).
Daneben wird es beim Gerben von Leder eingesetzt, in Bohrflüssigkeiten der Erdölförderung und in der Textilfärberei.
Fazit
In Lebensmitteln ist es in der EU nicht zugelassen. Es fehlt auf der Unionsliste, und was dort nicht steht, darf nicht zugesetzt werden. Dass die E-Nummer 237 trotzdem in vielen Übersichten auftaucht, ist ein Überbleibsel: Sie stammt aus einer älteren Fassung des Konservierungsstoffrechts.
FAQs:
Was ist Natriumformiat?
Das Salz, das entsteht, wenn man Ameisensäure mit Natronlauge neutralisiert. Ein weißes, sehr gut wasserlösliches Pulver mit der Nummer 237.
Ist Natriumformiat in Lebensmitteln erlaubt?
In der EU nicht. Es steht nicht auf der Unionsliste der zugelassenen Zusatzstoffe und erlaubt ist nur, was dort ausdrücklich aufgeführt ist.
Wofür wird Natriumformiat verwendet?
Als Futtermittelzusatzstoff, als Konservierungsstoff in Kosmetik bis 0,5 %, sowie industriell zum Enteisen von Flughafenflächen, beim Gerben und in der Textilfärberei.
Ist Natriumformiat gesundheitsschädlich?
In den relevanten Mengen gibt es dafür keine Hinweise. Formiat entsteht ohnehin ständig im Körper und wird innerhalb weniger Stunden abgebaut (vgl. HANZLIK et al., 2005).
Wurde Natriumformiat früher in Lebensmitteln verwendet?
Ja. Bis 1998 durften Ameisensäure und ihre Salze in der EU konservieren, vor allem bei Obsterzeugnissen wie Fruchtsäften, bei milchsaurem Gemüse und bei Krabben.
Ist Natriumformiat vegan?
Ja. Hergestellt wird es aus Kohlenmonoxid und Natronlauge, nicht aus Insekten.
Was ist der Unterschied zwischen E 236, E 237 und E 238?
E 236 ist die freie Ameisensäure, E 237 ihr Natriumsalz, E 238 ihr Calciumsalz. Keines davon ist in der EU als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen.
Quellen:
BVL (o. J.): Zulassung von Zusatzstoffen. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. bvl.bund.de
EFSA FEEDAP Panel (2015): Scientific Opinion on the safety and efficacy of ammonium formate, calcium formate and sodium formate when used as a technological additive for all animal species. EFSA Journal 13(5):4056. doi:10.2903/j.efsa.2015.4056
JECFA (1997): Summary of Evaluations Performed – Formic Acid (INS 236). 49. Sitzung des Gemeinsamen FAO/WHO-Sachverständigenausschusses für Lebensmittelzusatzstoffe, TRS 884. inchem.org
Europäisches Parlament und Rat (2008): Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 über Lebensmittelzusatzstoffe, Anhang II (Unionsliste), in der jeweils geltenden Fassung. EUR-Lex, CELEX 32008R1333
EU-Kosmetikverordnung (2009): Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel, Anhang V Nr. 14, in der jeweils geltenden Fassung. EUR-Lex, CELEX 32009R1223
EU-Kommission (2022): Durchführungsverordnung (EU) 2022/415 vom 11. März 2022 zur Zulassung von Ameisensäure, Natriumformiat, Calciumformiat und Ammoniumformiat als Futtermittelzusatzstoffe. ABl. L 85 vom 14.03.2022. EUR-Lex, CELEX 32022R0415
EU-Amtsblatt (1998): Richtlinie 98/72/EG zur Änderung der Richtlinie 95/2/EG über andere Lebensmittelzusatzstoffe als Farbstoffe und Süßungsmittel. ABl. L 295 vom 04.11.1998, S. 18. Fundstellennachweis über die konsolidierte Fassung der Richtlinie 95/2/EG: umwelt-online.de
Field, M. S. & Stover, P. J. (2025): Cell cycle regulation of folate-mediated one-carbon metabolism. PMC11875019
Hanzlik, R. P., Fowler, S. C. & Eells, J. T. (2005): Absorption and elimination of formate following oral administration of calcium formate in female human subjects. Drug Metabolism and Disposition 33(2), 282–286. doi:10.1124/dmd.104.001289
Pollmer, U. (2017): Zusatzstoffe von A–Z. Was Etiketten verschweigen. Eintrag „E 236 Ameisensäure“, über das Deutsche Zusatzstoffmuseum, Hamburg. zusatzstoffmuseum.de
Shuntong Chemical (2024): Uses of Sodium Formate. Herstellerangaben zu technischen Anwendungen.
Bildquellen:
Titelbild: Pixabay, alexas_fotos, #4158398
Ameisen: Pixabay, alexas_fotos, #1414875
Brennnessel: Pixabay, sipa, #785292